Wer heute ein Sterberegister aus dem 18. Jahrhundert aufschlägt, betritt eine fremde Welt der Medizin. Ab dem Jahr 1725 begannen die Pastoren in Badbergen, nicht nur den Namen des Verstorbenen, sondern auch die Todesursache zu vermerken. Diese Aufzeichnungen sind für Familienforscher und Historiker ein wertvolles Fenster in die Vergangenheit – sie zeigen uns, gegen welche unsichtbaren Feinde unsere Vorfahren täglich kämpfen mussten.
Diagnose: Symptom gleich Krankheit
Im 18. Jahrhundert war das Verständnis von Medizin grundlegend anders als heute. Ärzte und Laien unterschieden kaum zwischen der Ursache einer Krankheit und ihrem äußeren Erscheinungsbild. Begriffe wie „Fieber“, „Krämpfe“ oder „Laufen“ wurden als eigenständige Krankheiten behandelt, obwohl sie nach heutigem Verständnis lediglich Symptome waren. Hinter dem vagen Begriff „Hitziges Fieber“ konnte sich eine Lungenentzündung ebenso verbergen wie eine schwere Sepsis.
Die „Weiße Pest“: Tuberkulose
Die Tuberkulose (TB) war im 18. Jahrhundert die häufigste Todesursache im Kirchspiel Badbergen. Mindestens ein Viertel der Bevölkerung erlag der Krankheit, die oft als „Schwindsucht“, „Brustfieber“ oder „Pleuritis“ in den Registern auftaucht.
Dass die Tuberkulose so verheerend wütete, lag an mehreren Faktoren:
Wohnverhältnisse: Feuchte Bauernhöfe und schlecht belüftete Räume begünstigten die Ausbreitung.
Ernährung: Viele Familien infizierten sich über nicht pasteurisierte Milch infizierter Kühe (die sogenannte Perlkrankheit).
Unwissenheit: Erst 1862 wurde die Ansteckungsgefahr wissenschaftlich nachgewiesen. Bis dahin ahnte niemand, dass einfaches Husten die tödlichen Bakterien in der Luft verteilte.
Besonders gefährdet waren Erwachsene: Über 40 % der Verstorbenen über 50 Jahre starben an der Schwindsucht. In den Jahren 1781 (97 Tote) und 1795 (84 Tote) erreichte die Krankheit traurige Höhepunkte.
Der „Schrecken der Läuse“: Typhus
Typhus – oft als „Fleckenfieber“ oder „Faulfieber“ gelistet – war eine weitere Geißel der Region. Übertragen durch Körperläuse, äußere sich die Krankheit durch hohes Fieber, Bewusstseinstrübung und dunkle Hautflecken, die man im Volksmund „Pfefferkörner“ nannte.
Besonders in Mimmelage und Vehs wütete die Krankheit im Jahr 1730 heftig. Wie die Tuberkulose war auch Typhus vor allem für Erwachsene gefährlich; etwa 38 % der jungen Erwachsenen und 41 % der über 50-Jährigen im Sterberegister erlagen diesem Leiden.
Kinderkrankheiten: Masern und Pocken
Während Tuberkulose und Typhus die Erwachsenen trafen, waren Masern und Pocken der Schrecken jeder Mutter und jedes Vaters.
Masern: Diese Krankheit verlief vor allem bei unterernährten Kindern oft tödlich. In den Jahren 1764 und 1784 kam es zu größeren Ausbrüchen. Insgesamt verzeichnet das Register 97 Todesfälle durch Masern, fast ausschließlich Kinder.
Pocken (Blattern): Die Pocken kehrten fast zyklisch alle sechs Jahre nach Badbergen zurück. Es war eine gnadenlose Kinderkrankheit: Fast 80 % der Pockenopfer waren Kinder unter 15 Jahren. In den Jahren 1746 und 1781 starben jeweils fast 50 Menschen während einer einzigen Epidemie an den Blattern.
Ein Spiegel der Lebensumstände
Die Statistiken aus dem Kirchspiel Badbergen sind mehr als nur Zahlen. Sie erzählen von der mangelnden Hygiene, der engen Verbindung von Mensch und Vieh und der harten körperlichen Arbeit, die die Widerstandskraft der Menschen schwächte. Wenn wir heute in unsere Stammbäume blicken und sehen, dass Kinder jung starben oder junge Eltern früh verschieden, finden wir die Erklärung oft in diesen alten Bezeichnungen wie „Brustseuche“ oder „Hitzigem Fieber“.
Quellen und weiterführende Literatur
- Dr. Chr. Reinders-Düselder (2000), Das Artland. Demografische, Soziale und Politisch-herrschaftliche Entwicklungen zwischen 1650 und 1850.



