Tragödie auf der Zuiderzee: Das Schiffsunglück von 1766 und seine Opfer aus dem Artland

Es ist ein dunkler, verregneter Abend im Juli 1766. Am Amsterdamer Damrak herrscht geschäftiges Treiben, als die Fähre nach Hasselt zur Abfahrt bereitgemacht wird. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass diese Überfahrt über die Zuiderzee für fast 60 Menschen die letzte sein wird.

Für uns Familienforscher sind es oft gerade diese dramatischen Ereignisse, die die trockenen Daten in den Kirchenbüchern plötzlich zum Leben erwecken – und uns die Gefahren vor Augen führen, denen unsere Vorfahren auf ihren Reisen ausgesetzt waren.

Eine fatale Kollision in der Dunkelheit

Am 10. Juli 1766, pünktlich um halb neun Uhr abends, legte das Schiff mit insgesamt 140 Passagieren an Bord ab. Wegen des schlechten Wetters und der einsetzenden Dunkelheit hatten sich die meisten Reisenden unter Deck zurückgezogen, um Schutz vor dem Regen zu suchen.

Doch gegen halb zwölf in der Nacht geschah das Unfassbare: In der Finsternis kollidierte die Fähre an der Backbordseite mit dem Kaischiff „De vier gebroeders“. Die Wucht des Aufpralls war so gewaltig, dass Panik ausbrach. Augenzeugen berichteten später von verzweifelten Schreien aus dem Schiffsbauch: „Das Schiff sinkt!“

 

15 Minuten Kampf ums Überleben

Die Zeitspanne zwischen Leben und Tod war erschreckend kurz. Innerhalb von nur 15 Minuten versank das Schiff in den Wellen der Zuiderzee. In der nächtlichen Schwärze gelang es etwa 80 Menschen, sich an Seilen, Trümmern oder dem Mast festzuklammern.

Die Hilfe ließ jedoch auf sich warten. Erst im Morgengrauen konnten die Überlebenden gerettet werden. Für viele kam jede Hilfe zu spät: Zwischen 58 und 60 Passagiere ertranken in dieser Nacht. Ihre Leichen wurden zurück nach Amsterdam in das Gästehaus gebracht und am 14. Juli gemeinsam beigesetzt.

 

Spuren im Kirchenbuch von Badbergen

Was diese ferne Tragödie für uns heute so greifbar macht, ist der Blick in die lokalen Quellen. Unter den Opfern befanden sich vier Männer aus Badbergen, deren Namen im evangelisch-lutherischen Sterberegister der Gemeinde verewigt sind:

  • Johann Buddeke

  • Johann Rüter

  • Johann Westendorff

  • Johann Wulffert

Diese Männer waren vermutlich als Wanderarbeiter oder Händler in den Niederlanden unterwegs – eine damals weit verbreitete Praxis im Artland. Ihr Schicksal zeigt, wie eng die Geschichte unserer Region mit den Handelswegen nach Amsterdam verknüpft war.

 

Die Quellen: Woher wir das wissen

Dank der präzisen Archivarbeit lassen sich solche Ereignisse heute exakt rekonstruieren. Die Details zu diesem Unglück finden sich nicht nur in den Badberger Kirchenbüchern, sondern auch in zeitgenössischen Berichten des Leydse Courant vom 11. Juli 1766. Zudem bewahrt das Amsterdamer Notariatsarchiv (Archivnummer 5075) die juristische Aufarbeitung der Kollision auf, in der die Schuldfrage und der Hergang der Havarie zwischen der Harlinger Fähre und der „Vier Gebroeders“ festgehalten wurden.

 

Ein stilles Gedenken

Wenn wir heute über die moderne Zuiderzee (das heutige IJsselmeer) blicken, erinnert kaum noch etwas an die Gefahren der Segelschifffahrt des 18. Jahrhunderts. Doch die Namen von Johann Buddeke und seinen Gefährten mahnen uns, die persönlichen Schicksale hinter den historischen Daten nicht zu vergessen.

Quellen und weiterführende Literatur

  •  

🔍 Klicken Sie auf das Bild, um es in einer größeren Ansicht zu sehen.