Ein Haager Schild für das Artland: Wie die Sauvegarde von 1631 das Haus Schulenburg und seine Eigenbehörigen schützte

Ein Haager Schild für das Artland: Wie die Sauvegarde von 1631 das Haus Schulenburg und seine Eigenbehörigen schützte

Am 10. Dezember 1631 ließen die Generalstaaten in Den Haag einen entscheidenden Beschluss in ihren Resolutionsregistern festhalten. Auf Ersuchen von Gerrardt von Dincklage („thij Qnaekenbrugge & schulenborch erffgeseten“) erteilte das höchste Verwaltungsorgan der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande einen feierlichen Sauvegarde-Brief (einen diplomatischen Schutzbrief). Dieser Schutzbrief garantierte den absoluten Schutz seiner Person, seines Ritterguts Schulenburg bei Badbergen, seiner Bauernhöfe (bouverien), seiner Meierien, seiner eigenbehörigen Pächter sowie seines gesamten Viehbestands (peerde, osse, koyen & ander bestial). Das Gesuch um einen Haager Schutzbrief offenbart die ungeschützte Lage, in der sich das Artland nach dem Zusammenbruch der dänischen Front befand. Als ehemaliger Kavallerieoffizier kannte Von Dincklage die erbarmungslose Dynamik von Besatzung und Plünderung aus erster Hand. Welche Gefahren drohten 1631 auf dem lokalen Land, die ihn veranlassten, sein Heil in Den Haag zu suchen?

Die Dänische Phase: Rittmeister im Kleinen Krieg (1625–1626)

Als König Christian IV. von Dänemark 1625 als Kreisobrist des Niedersächsischen Reichskreises den Kampf gegen die katholischen Liga-Truppen des Grafen Tilly aufnahm, schloss sich ihm die lutherische Ritterschaft aus dem Norden des Hochstifts Osnabrück an. Gerhard von Dincklage trat als Rittmeister einer Reiterkompanie in dänische Kriegsdienste. Zeitgenössische Quellen erwähnen Von Dincklage nicht bei großen Schlachten (wie bei Lutter am Barenberge), wohl aber bei regionalen Operationen und Scharmützeln in Nordwestdeutschland. Seine Aufgaben konzentrierten sich auf den sogenannten Kleinen Krieg:

  • Patrouillen und Abriegelung: Sicherung entscheidender Verkehrswege und Brücken über die Hase (nahe Quakenbrück und Essen/Oldenburg) sowie das Abfangen feindlicher Nachschubkonvois.

  • Operationen unter Weimar und Mansfeld: Im Frühjahr 1626 operierten seine Reiter unter dem Kommando von Johann Ernst von Sachsen-Weimar und Ernst von Mansfeld in der Region Westfalen/Niedersachsen zur Unterstützung des Vormarsches in Richtung Weser und Elbe.

Seine Stellung innerhalb der dänischen Armeeführung bot ihm schon damals Hebel für diplomatischen Schutz. Inmitten bewaffneter Plünderungen durch dänische Söldner gelang es ihm, bei General von Sachsen-Weimar eine offizielle Sauvegarde (Schutzwache) für das adelige Stift Börstel durchzusetzen.

Operationelle und logistische Unterstützung der Landesfestung Fürstenau (1626–1628)

Während der dänischen Präsenz im Hochstift Osnabrück war Von Dincklage eng in die Verwaltung und Sicherung der Landesfestung Fürstenau eingebunden. Er führte zwar kein formelles Oberkommando über die Festung, leistete jedoch entscheidende Unterstützung aus dem umliegenden Operationsgebiet:

  • Kavalleriesicherung im Vorfeld: Seine Reiter sicherten die Verbindungsachsen zwischen Lingen, Quakenbrück und Fürstenau. Durch das Abwehren kaiserlicher und ligistischer Aufklärer verhinderte seine Einheit, dass die Festung überraschend eingeschlossen werden konnte.

  • Logistik und Kontributionen: Als lokal verwurzelter Grundbesitzer fungierte er als idealer Vermittler für die dänische Armeeführung, um den Ertrag an Getreide, Heu und Vieh aus dem Amt Fürstenau und dem Artland zu koordinieren. Diese Doppelrolle ermöglichte es ihm, die dänische Besatzung in der Burg zu verproviantieren und gleichzeitig seine eigenen eigenbehörigen Pächter vor willkürlicher Ausraubung zu schützen.

 

Der Wendepunkt: Der Fall von Fürstenau (Januar 1628)

Nach der verheerenden Niederlage König Christians IV. in der Schlacht bei Lutter am Barenberge (August 1626) brach die dänische Front zusammen. Fürstenau blieb als isolierter dänischer Außenposten zurück.

Die Einkesselung

Ab dem Herbst 1627 schlossen kaiserliche und ligistische Regimenter unter Oberst von Nievenheim die Festung hermetisch von den Handelswegen nach Lingen und Meppen ab. Die leichten Reitereinheiten im Vorfeld konnten die Nachschublinien für Nahrung und Pulver nicht länger offenhalten.

Die Kapitulation am 24. Januar 1628

Ohne Aussicht auf ein Entsatzheer und bei drohender Hungersnot schloss der dänische Festungskommandant Johann von Werve am 24. Januar 1628 einen formellen Übergabevertrag (Akkord):

  • Freier Abzug: Die dänische Besatzung erhielt freien Abzug mit persönlichen Waffen, Pferden und Gepäck unter kaiserlichem Geleit in dänisches Gebiet.

  • Übergabe der Burg: Geschütze und Munition wurden den kaiserlichen Kommissaren übergeben.

  • Kaiserliche Übernahme: Fürstbischof Franz Wilhelm von Wartenberg nahm die Burg in Besitz und setzte später den bayerischen Offizier Michael Wilhelm Kobolt von Tambach als Burgkommandanten und Drost ein.

Mit dem Fall von Fürstenau beendete Gerhard von Dincklage sein aktives dänisches Militärkommando im Feld und zog sich auf seine verstärkte Wasserburg Schulenburg zurück.

Chronologischer Überblick der Macht- und Besatzungswechsel

Der fortwährende Wechsel der Herrschaft im Amt Fürstenau und im Artland verdeutlicht die Notwendigkeit flexibler diplomatischer Kurswechsel:

ZeitraumHerrschende ParteiKontext & Auswirkungen auf das ArtlandRolle Gerhard von Dincklages
1618 – 1622Hochstift / NeutralRegionale Neutralität durch lokale Freikäufe gesichert.Verwaltung von Schulenburg.
1622 – 1623Protestantische SöldnerEinfall durch Christian von Braunschweig (der „Tolle Herzog“).Lokale Verteidigung der Hofstellen.
1623 – 1625Katholische Liga (Tilly)Einzug der Liga-Truppen; Quartiernahme in Fürstenau.Orientierung auf dänische Unterstützung.
1625 – Jan. 1628König von DänemarkDänische Besatzung unter Christian IV.; Garnison Fürstenau.Dänischer Rittmeister; Kavalleriepatrouillen & Logistik Fürstenau.
Jan. 1628 – 1633Kaiserliche & BischofKapitulation von Fürstenau (1628); Rekatholisierung unter Wartenberg.Rückzug nach Schulenburg; Antrag auf Haager Sauvegarde (1631).
1633 – 1635Schweden & BraunschweigRückeroberung von Quakenbrück und Fürstenau durch die Schweden.Protestantischer Rückhalt wiederhergestellt.
1635 – 1647Kaiserliche TruppenRückeroberung durch die Kaiserlichen; schwere Plünderungen im Artland.Erhalt der Güter unter starker Steuerlast.
1647 – 1650Schwedische BesatzungEinnahme durch General von Königsmarck; Besatzung bis 1650.Letzte Wiederherstellung der gutsherrlichen Rechte.

 

Die Haager Sauvegarde (10. Dezember 1631) als Überlebensschild

Nach dem dänischen Abzug von 1628 wandelte sich Von Dincklages Rolle endgültig vom Krieger zum Verwalter. Während er sich unter der kaiserlichen Herrschaft Bischof Wartenbergs formell ruhig verhalten musste, entstand eine neue Bedrohung aus dem Westen: staatische Überfälle und Plünderungen (Buetingen) von niederländischen Grenzgarisonen aus.

Das Land um Badbergen wurde schwer von umherziehenden Reitern getroffen, die Vieh und Getreide raubten. Um dem ein Ende zu setzen, wandte sich Von Dincklage im Dezember 1631 an die Generalstaaten in Den Haag.

Das geschützte agrarische Netzwerk

Die Reichweite des erhaltenen Sauvegarde-Briefs spiegelt den exakten Umfang des Ritterguts Schulenburg wider, wie er in den Registern  dokumentiert ist:

Kirchspiel Bauerschaft / Lage Erbe-Typ / Hofname
Ankum Hekese Vollerbe Thriene
Badbergen Grothe (Devern) Vollerbe Veltmann
Badbergen Groß-Mimmelage Halberbe Claus zum Vorde
Badbergen Groß-Mimmelage Halberbe Kleine De Wendte
Badbergen Groß-Mimmelage Erbkotte Burding
Badbergen Groß-Mimmelage Erbkotte Berndt Oldenhage
Badbergen Groß-Mimmelage Markkötte Kleine Vortmann
Badbergen Talge Erbkotte Struckmann
Badbergen Wulften Erbkotte Hasekamp
Damme / Holdorf Grandorf Vollerbe Hülsmann
Essen (Oldenburg) Essen Timmermann (Osnabrücks)
Essen (Oldenburg) Essen Birken (Osnabrücks)
Gehrde Drehle Behne Lübbe
Menslage Herbergen Vollerbe Wolterding (allodial)
Twistringen Ellinghausen Molenhoff (Münsters)
Twistringen Ellinghausen Becken (allodial)
Twistringen Ellinghausen Grappenhaus

Wenn die Haager Resolution von „syne meijerien, mitsgaders syne bouvers, pachters, knechten, huysinge, schueren, stallinge“ spricht, bot der Schutzbrief direkte Immunität für die Familien und Ernten auf diesen spezifischen Höfen.

Fazit

Der diplomatische Schachzug vom 10. Dezember 1631 bildet den Höhepunkt der Überlebensstrategie Gerhard von Dincklages. Aus seinen aktiven Jahren als dänischer Rittmeister während des Kleinen Krieges und des Kampfes um die Landesfestung Fürstenau brachte er das nötige Wissen über militärische Strukturen mit. Als das dänische Feldheer zusammenbrach, nutzte er diese Erfahrung auf dem politischen Parkett. Mit dem Haager Sauvegarde-Brief gelang es ihm, das agrarische Herz von Schulenburg unbeschadet durch die schlimmsten Phasen des Dreißigjährigen Krieges zu steuern.

Nachfolgend finden Sie die vollständige Transkription des Beschlussprotokolls der Generalstaaten vom 10. Dezember 1631 einschließlich einer deutschen Übersetzung für weitere Studien und Forschungen (ca. 522 Kb).

Nationaal Archief. (1631). Resoluties van de Staten-Generaal (Bestand 1.01.02, Inventarnummer 56, S. 922). Den Haag.

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Die originale Haager Quelle von 1631: Eintragsseite im Resolutionsregister der Generalstaaten in Den Haag, in der Gerrardt von Dincklage die Sauvegarde zum Schutz des Hauses Schulenburg, seiner eigenbehörigen Pächter und des Viehbestands gewährt wird (Quelle: Nationaal Archief, Toegang 1.01.02, Inv.-Nr. 56, S. 922).
Porträt von Herzog Johann Ernst dem Jüngeren von Sachsen-Weimar (1594–1626) (Michiel Jansz. van Mierevelt, 1623). Unter seinem dänischen Heereskommando operierte Gerhard von Dincklage im Frühjahr 1626 rund um das Stift Osnabrück. Sammlung National Trust, Ashdown House (Inv.-Nr. 493068).
Porträt von Graf Peter Ernst II. von Mansfeld (1580–1626) (Daniël Mijtens, 1624). Der protestantische Heerführer während seiner diplomatischen Mission nach London, ein Jahr bevor seine Truppen über Westfalen nach Niedersachsen zogen. Royal Collection Trust, England (Inv.-Nr. RCIN 404772).

Primäre Archivquellen (NLA OS)

  • NLA OS, Dep 6 b, Nr. 997: Haus Schulenburg und zugehörige Höfe (Register von Lehen und eigenbehörigen Höfen ab ca. 1559–1610 und spätere Perioden).
  • NLA OS, Dep 6 b, Nr. 428: Haus Schulenburg und zugehörige Höfe (Enthält das Verzeichnis der Aussaat und Pachtgelder der zu Schulenburg eigenbehörigen Güter von Gerhard von Dincklage, 1639).
  • NLA OS, Erw B 5: Güter der Familie von Dincklage (Archiv des Gutes Schulenburg).
  • NLA OS, Rep 100, Abschnitt 231, Nr. 6/1: Akten betreffend die Belagerung und Übergabe der Landesfestung Fürstenau (Januar 1628).

Literatur und historische Studien

  • Oldermann, Renate: Eine Stiftsjungfer im Dreißigjährigen Krieg. Das Leben der westfälischen Adligen Lucretia von Haren (1605–1675). Böhlau Verlag, 2013.
  • Pantle, Christian: Der Dreißigjährige Krieg. Als Deutschland in Flammen stand. Propyläen, 2017.
  • Reservistenverband / Traditionspflege Fürstenau: RK-Info III-2020: Zur Geschichte der Landesfestung Fürstenau im Dreißigjährigen Krieg.
  • Wellinghorst, Rolf: Kulturgeschichte Artland: Börstel–Wasserhausen–Quakenbrück. Teil 2 – Germanen, Mittelalter und Neuzeit. Lernstandort Grafelder Moor und Stift Börstel / Artland-Gymnasium Quakenbrück, 2017.