Ein vergessenes Verbrechen im Artland: Die niederländischen Plünderungen von 1628 und 1631

Wenn wir die Geschichte des Hasegaus und des Artlandes während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) betrachten, stoßen wir schnell auf die klassische Studie von W. Nesemann aus dem Jahr 1899: „Die Kriegsleiden des Hasegaues und der benachbarten Gebiete während des dreißigjährigen Krieges” (veröffentlicht in den Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück, Heft 8).

Nesemann zeichnet darin ein eindringliches Bild dessen, was die Landbevölkerung im Stift Osnabrück erdulden musste. Dennoch weist seine Übersicht aus dem Jahr 1899 auffällige Lücken auf, wenn es um die niederländische (staatliche) Beteiligung in dieser Region geht. Über das Jahr 1628 berichtet Nesemann lediglich kurz, dass niederländische Reiter in Rieste Pferde raubten und sich bei ihrem Abzug an der Lager Brücke einen Kampf mit den Landschützen lieferten (bei dem 18 Ortsansässige getötet wurden). Über weitere niederländische Aktionen rund um das Artland in diesen spezifischen Jahren schweigt seine Studie jedoch völlig.

Die Entdeckung eines offiziellen Protokolleintrags aus dem Archiv der Generalstaaten der Vereinigten Niederlande vom 22. April 1632 wirft ein völlig neues und enthüllendes Licht auf diese Periode. Er bildet eine entscheidende, bislang unbekannte Ergänzung zur lokalen Geschichtsschreibung von Badbergen, Bersenbrück, Malgarten und Umgebung.

Die Beschwerde des Fürstbischofs: 22. April 1632

Am 22. April 1632 erscheint Wilhelm Freiherr von Horrion (Herr zu Heel, kurkölnischer Rat und Drost der Grafschaft Horn) vor der Versammlung der Generalstaaten in Den Haag. Er tritt als offizieller Gesandter im Namen von Franz Wilhelm von Wartenberg auf, dem katholischen Fürstbischof von Osnabrück, Minden und Verden.

Horrion legt dar, dass das Stift Osnabrück ein neutrales Gebiet sei, das gute Nachbarschaft mit der Niederländischen Republik anstrebe. Dennoch hätten sich niederländische Truppen auf eklatante und rücksichtslose Weise auf dem neutralen Land vergangen. Die eingereichte Beschwerde enthält eine Reihe detaillierter Vorfälle aus dem Stift Osnabrück, die bislang außerhalb der Standard-Historiographie geblieben sind:

[1628]

Plünderung Malgarten

• Verletzung der Sauvegarde
• Dokumenten- & Pferdediebstahl
• Freilassung der Täter

[04.11.1628]

Überfall Badbergen & Bersenbrück

• 99 niederländische Reiter
• 310 Reichstaler Beute
• Schaden im Kloster

[08.12.1631]

Angriff auf Kirchspiel Laer (Bad Laer)

• 400 Reiter fallen ein
• 931 Reichstaler erpresst
• Haus brennt, Kirche bedroht

1. Die Plünderung des Klosters Malgarten (1628)

Nesemann erwähnte zwar die Reiter in Rieste, aber das Dokument von 1632 liefert die juristische und administrative Kehrseite der Medaille. Reiter aus der niederländischen Garnison in Deventer fielen in das Kloster Malgarten ein. Was diese Aktion besonders skandalös machte: Das Kloster befand sich im Besitz einer offiziellen Sauvegarde (Schutzbrief) von niemand geringerem als Prinz Friedrich Heinrich von Oranien.

Die niederländischen Soldaten missachteten den Brief ihres eigenen Oberbefehlshabers völlig: Sie plünderten das Kloster aus, stahlen alle besiegelten Eigentumsdokumente, nahmen die Pferde mit und erpressten ein hohes Lösegeld. Obwohl die Täter damals vom Staatsrat festgenommen wurden, ließ man sie später ohne jede Bestrafung oder Entschädigung wieder frei („gerelaxeert”).

2. Der Überfall auf Badbergen und das Kloster Bersenbrück (4. November 1631)

Am 4. November 1631 fielen etwa 99 niederländische Reiter in das Dorf Badbergen ein. Die Bewohner wurden nicht nur gezwungen, Futter und Mahlzeiten bereitzustellen, sondern wurden auch um mehr als 310 Reichstaler an Bargeld und Wertgegenständen beraubt. In derselben Raubzugserie wurde dem nahegelegenen Kloster Bersenbrück („Berchebruck”) schwerer Schaden zugefügt.

3. Der Terror im Kirchspiel Laer / Bad Laer (8. Dezember 1631)

Einen Monat später, am 8. Dezember 1631, fiel eine Truppe von über 400 Reitern in das Kirchspiel und Dorf Laer (“Lahr/Lare”, das heutige Bad Laer südlich von Osnabrück im Amt Iburg) ein. Sie erpressten von den Dorfbewohnern die enorme Summe von über 931 Reichstalern und steckten vorsätzlich ein großes Bauernhaus in Brand. Der Text vermerkt mit Entsetzen, dass nicht viel fehlte und das gesamte Dorf einschließlich der historischen Pfarrkirche in Schutt und Asche gelegt worden wäre.

Die Rolle von Thomas von Stakenbroek

Wer war für diese gewaltsamen Durchmärsche und Erpressungen verantwortlich? Der Text des Protokolls weist mit dem Beschuldigungsfinger auf eine der absoluten Top-Figuren des niederländischen Heeres: Generalleutnant Thomas von Stakenbroek (Staeckenbrouck, ca. 1564–1644).

Stakenbroek war auf dem Rückzug von seinem Feldzug in Deutschland durch das Amt Gröneberg und das Amt Iburg gezogen, wo seine Truppen Schäden in Höhe von zehntausenden Reichstalern anrichteten. Doch Stakenbroek ging noch einen Schritt weiter: Er ließ sich von lokalen Verwaltungen unter dem Vorwand, „gute Ordnung zu halten”, eine Summe von 1.800 Reichstalern an Bestechungsgeld („schenckagie ofte verschooninge van inlegeringe”) auszahlen. Zudem nahmen seine Soldaten 29 Pferde armer Bauern mit, die trotz fester Versprechungen Stakenbroeks nie zurückgegeben wurden.

Die enge Bindung zwischen Friedrich Heinrich und Stakenbroek

Um die Tragweite dieser Beschwerde zu verstehen, müssen wir die besondere Position von Thomas von Stakenbroek betrachten. Er war nicht irgendein Offizier; er war die rechte Hand und der Vertraute des Statthalters Friedrich Heinrich.

  • Der höchste Rang: Als Friedrich Heinrich 1625 seinem verstorbenen Bruder Moritz als Kapitän-General nachfolgte, ernannte er Stakenbroek 1626 nahezu direkt in die höchste militärische Kavallerieposition: Generalleutnant der Reiterei.

  • Strategischer Berater: Stakenbroek gehörte zum hochselektierten Kreis von Offizieren, mit denen der Prinz seine militärischen Operationen vorab im strengsten Geheimnis besprach.

  • Schlüsselrollen bei den großen Belagerungen:

    • Bei der Belagerung von Groenlo (1627) kommandierte Stakenbroek die Kavallerie zur Abschirmung der Belagerungslinien. Ein mündlicher Befehl, den Stakenbroek dabei missverstand, war für Friedrich Heinrich der direkte Anlass, ab diesem Zeitpunkt sämtliche Befehle ausschließlich noch schriftlich zu erteilen.

    • Bei der Belagerung von ‘s-Hertogenbosch (1629) führte Stakenbroek die Reitereinheiten bei Vught und unternahm vorab strategische Täuschungsmanöver, um die Spanier abzulenken.

  • Gouverneur und Vertrauter: Als Belohnung für seine treuen Dienste unterstützte ihn Friedrich Heinrich bei seiner Ernennung zum Gouverneur der strategisch wichtigen Festungsstadt Grave.

Dass Stakenbroek zur intimen Inner Circle des Hofes gehörte, spiegelt sich auch in der bildenden Kunst jener Zeit wider. Auf dem berühmten bild von Pauwels van Hillegaert reiten der Prinz und Stakenbroek Schulter an Schulter.

Kunsthistorische Anmerkung: Ein treffendes Beispiel dieser engen Verflechtung zeigt das Gemälde von Pauwels van Hillegaert („Die Prinzen von Oranien mit Familienmitgliedern zu Pferd beim Ausritt vom Buitenhof, Den Haag”, ca. 1621–1622, zu sehen in Saal 16 des Rijksmuseums). Der Blick geht von Westen über die Hofvijver in Richtung Binnenhof. Es zeigt die Oranier und ihr nächstes militärisches Gefolge bei einer Spazierfahrt durch Den Haag — die Elite, an die Stakenbroek als Vertrauter so dicht heranreichte.

Das politische Dilemma in Den Haag

Als Baron von Horrion am 22. April 1632 sein Dokument dem Vorsitzenden der Versammlung, Johan Schaffer, übergibt, entsteht eine brisante politische Situation. Im Saal sitzen prominente Staatsmänner und Abgeordnete wie Constantijn Huygens, Alexander van der Capellen, Simon van Beaumont und Wilhelm Coenders van Helpen.

Horrion weist die Generalstaaten messerscharf auf ihre eigene Gesetzgebung hin:

Die eigenen Erlasse (Plakate) der Generalstaaten verboten es strengstens, dass Heerführer Geld oder „Geschenke” von neutralen Nachbarn annahmen, um Einquartierungen zu vermeiden. Wer dies dennoch tat, musste das Geld doppelt zurückerstatten und hatte mit willkürlicher Strafverfolgung zu rechnen.

Die Beschwerde legt die schizophrene Realität des Dreißigjährigen Krieges offen. Einerseits erließ die Regierung in Den Haag strenge Verordnungen und Schutzbriefe, um neutrale Grenzgebiete zu schonen und gute diplomatische Beziehungen aufrechtzuerhalten. Andererseits drückten die Generalstaaten und Heerführer Friedrich Heinrich oft beide Augen zu, wenn Top-Kommandeure wie Thomas von Stakenbroek auf dem deutschen Land eigenmächtig agierten und plundernde Reiter ungestraft ließen.

Bedeutung für die Geschichtsschreibung des Artlandes und Stifts Osnabrück

Für die Lokalgeschichte von Badbergen, Bersenbrück, Malgarten sowie der breiteren Region Osnabrück ist die Entdeckung dieses Protokolls aus dem Jahr 1632 von unschätzbarem Wert:

AspektDie Situation nach W. Nesemann (1899)Die neuen Erkenntnisse aus dem Dokument von 1632
Malgarten (1628)Nur Erwähnung des Kampfes mit Landschützen an der Lager Brücke.Nachweis eines direkten Bruchs der prinzlichen Sauvegarde von Oranien und Archivraubs im Kloster.
Badbergen (1631)Keine spezifischen Daten zu niederländischen Überfällen im Herbst 1631.Exakte Dokumentation des Überfalls von 99 Reitern am 4. November 1631 und eines Schadens von über 310 Reichstalern.
Bad Laer & BersenbrückBegrenzter Einblick in die genauen Täter und das Ausmaß im Südamt/Artland.Direkte Beteiligung von 400 Kavalleristen und der höchsten niederländischen Heeresleitung unter Stakenbroek nachgewiesen.

Das Protokoll vom 22. April 1632 belegt, dass die Bevölkerung des Artlandes und der umliegenden Ämter nicht nur unter den ‘kaiserlichen’ oder schwedischen Truppen zu leiden hatte, sondern dass auch die niederländischen Reiter unter der Führung höchster Elite-Offiziere eine Spur der Erpressung und Verwüstung hinterließen. Das Dokument bildet somit das fehlende Puzzlestück, das die Geschichte der Region im Dreißigjährigen Krieg ein Stück vollständiger macht.

Nachfolgend finden Sie die vollständige Transkription des Beschlussprotokolls der Generalstaaten vom 22. April 1632 einschließlich einer deutschen Übersetzung für weitere Studien und Forschungen (ca. 559 Kb).

  • Primärdokument: Nationaal Archief Den Haag, Archief Staten-Generaal, inv.nr. 1632 (Sitzung vom 22. April 1632, Proposition Baron van Horrion / Bischof von Osnabrück) | (original scan).

  • Literatur: Nesemann, W., „Die Kriegsleiden des Hasegaues und der benachbarten Gebiete während des dreißigjährigen Krieges”, in: MVGH, Heft 8, Osnabrück 1899.

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Franz Wilhelm von Wartenberg (1593–1661), Fürstbischof von Osnabrück (1625–1661). Das Original dieses Porträts befindet sich im Nationalmuseum in Stockholm (Inventarnummer NM 15407).
Frederik Hendrik und Thomas van Stakenbroeck vor dem Buitenhof in Den Haag (Ausschnitt)

Detail aus dem Gemälde: „Die Prinzen von Oranien mit Familienmitgliedern zu Pferd beim Ausritt vom Buitenhof, Den Haag“ (ca. 1621–1622), Pauwels van Hillegaert, Rijksmuseum Amsterdam (Inv.-Nr. SK-A-1412).

Dieser Detailausschnitt zeigt eindrucksvoll die enge Verbindung zwischen dem Oranierhof und der militärischen Elite der Republik. Links im Bild reitet Prinz Friedrich Heinrich von Oranien-Nassau, damals noch als hochrangiger Feldherr und spätere Leitfigur des niederländischen Staates. Direkt an seiner linken Seite (rechts im Bild) befindet sich sein enger Vertrauter und spätere Generalleutnant der Reiterei, Thomas von Stakenbroeck – eben jener Kommandeur, dessen Truppen in den Jahren 1628 und 1631 im Artland und Stift Osnabrück für erhebliche Unruhe und Plünderungen sorgten.

Im Hintergrund ist Prinz Moritz von Oranien zu erkennen, der damalige Statthalter und Generalkapitän der Streitkräfte. Die Darstellung unterstreicht Stakenbroecks unmittelbare Nähe zum innersten Machtzirkel der Oranier, deren Schutzbriefe (Sauvegarden) von den Truppen vor Ort dennoch nicht immer geachtet wurden.

  • Groenveld, S. (1988). Die Außenpolitik der Republik der Vereinigten Niederlande und der Dreißigjährige Krieg. In K. Repgen (Hrsg.), Krieg und Politik 1618–1648 (S. 273–290). Oldenbourg. [Online verfügbar über Universitätsrepositorien]
  • Jarck, H.-R. (1998). Der Dreißigjährige Krieg im Osnabrücker Land: Vom Westfälischen Frieden zur Säkularisation. Wenner. [Online verfügbar über die Niedersächsische Landesbibliothek.
  • Van Nimwegen, O. (2010). The Dutch Army and the Military Revolutions, 1588–1688. Boydell Press. [Online verfügbar über Google Books / JSTOR]